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„Angelner Sinfonie. Erzählungen und Notizen aus einer norddeutschen Landschaft“.

Herr Reinhard Großmann aus Freienwill hat vor wenigen Wochen ein neues Buch „Angelner Sinfonie. Erzählungen und Notizen aus einer norddeutschen Landschaft“ geschrieben. Näheres über das Buch und mich als Autor sowie einen Textauszug finden Sie in den Anhängen.

Angelner Sinfonie

 

heißt eine Sammlung von fünf Erzählungen und sieben Textskizzen aus der Landschaft Angeln. Es sind Geschichten aus Angeln, nicht über Angeln. Es sind Geschichten über Menschen in Angeln. Über das Pastorenehepaar, das nach Ehekrise und Scheidung wieder zueinander findet. Über aktive Frauen, die ihren eigenen Chor gründen und sich für ihre Gemeinde engagieren. Über einen afrikanischen Studenten, der in einen Angelner Traditionshof einheiratet und vergessene landwirtschaftliche Traditionen wiederbelebt. Und über einen alten Brandfall, dem damals der jüdische Landhändler zum Opfer gefallen ist. Sie handeln von Menschen, die hier geboren und aufgewachsen sind und von Menschen, die, wie der Autor dieser Geschichten, zugezogen sind und das vielgestaltige Hügelland lieben gelernt haben. Dazwischen gestreut als Vor-, Nach- und Zwischenspiele sind kurze Skizzen über einzelne Orte wie die Fröruper Berge oder die Halbinsel Holnis, über Kirchen oder einen verfallenden Bahnhof-Krug, über Wildgänse und Wolken. Das Ganze komponiert wie eine Sinfonie, also einen „Zusammenklang“ vieler Themen, die in der Landschaft Angeln aufklingen.

 

Reinhard Großmann, der Autor dieser Erzählungen und Skizzen, wurde 1934 in Schlesien geboren, lebte nach dem Krieg in Württemberg, war Lehrer an einem Gymnasium im Schwarzwald und zog im Ruhestand und nach dem Tod seiner Frau zur Familie seines Sohnes nach Freienwill. Er schreibt, weil er gern Geschichten erzählt, und er freut sich, wenn er Zuhörer findet, denen er daraus vorlesen kann.

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Was würde sie tun, überlegte Meike, wenn der neue Pastor vor ihrer Tür stünde? Eigentlich müsste er doch irgendwann so eine Art Antrittsbesuch machen. Sie war ganz froh, dass es noch nicht dazu gekommen war, aber das war doch wohl nur eine Frage der Zeit.

 

Sie könnte ihm einfach die Tür vor der Nase zuknallen. Oder ihn anschreien: „Was willst du hier? Ich habe dich nicht eingeladen.“ Das wäre eine deutliche Antwort auf seine selbstherrliche Entscheidung, sie an ihrem Rückzugsort zu belästigen. Aber sie wusste schon, das würde sie nicht tun. Und es wäre auch nicht in Ordnung. Wenigstens höflich könnte man miteinander umgehen. Also müsste sie ihn ins Zimmer bitten, ihm einen Stuhl anbieten, ein Glas Saft hinstellen. Und dann würde er sein Kommen erklären müssen. Sie hatte keine Ahnung, was für Gründe ihm einfallen würden. Aber sie würde ihm keinesfalls glauben, sondern ihm ins Gesicht sagen, dass er nur ihretwegen nach Amtstrup gezogen sei, und dass sie nichts von ihm wissen wolle. „Ich habe es fünfundzwanzig Jahre mit dir ausgehalten. Das ist vorbei.“

 

Nein, das dürfte sie nicht sagen, denn es wäre nicht die Wahrheit. Es waren Jahre, die sicherlich auch mit Arbeit und Mühen angefüllt gewesen waren, aber doch nicht nur. Die vier Kinder hatte auch sie gewollt, sie hätte gern auch noch ein fünftes gehabt, da hatte Friedrich ihr klar gemacht, dass das einfach zu viel für sie sein würde. Die Gemeindearbeit, um die er sie gebeten hatte, war oft recht lästig gewesen, wenn sie sich für eine Frauenstunde vorbereitet hatte und dann nur fünf Frauen kamen, oder wenn eine der Teilnehmerinnen nach zehn Minuten das Wort an sich gerissen und die Runde mit irgend einer obskuren Bibelstelle belästigt hatte, die auch sie nicht verstand. Und jedes Jahr die Krippenspiele. Bis in die letzte Nacht hatte sie an der Nähmaschine gesessen und Kostüme für die Kinder, nicht nur für die eigenen, fertig gemacht, weil irgendwelche Mütter keine Lust gehabt hatten oder nicht in der Lage gewesen waren, das für ihre Kinder zu tun. Und mit tödlicher Sicherheit war einer der Hauptdarsteller im letzten Augenblick krank geworden, sodass sie alles umdisponieren musste, damit eines ihrer Kinder die kritische Rolle schnell noch lernen könnte. Immerhin, auf ihre Kinder hatte sie sich dabei immer verlassen können. Und wenn die wöchentlichen Kirchenchorproben auch eine zeitliche Belastung gewesen waren, Freude hatte ihr das Singen mit den Männer und Frauen aus ihrer Gemeinde immer gemacht, und sie hatte auch gern und regelmäßig die Fortbildungen besucht, die der Kirchenbezirk für die nebenamtlichen Kirchenchorleiter angeboten hatte.

 

Natürlich war es notwendig gewesen, aus dieser Tretmühle zu fliehen, bevor sie ganz zermahlen wurde. Aber solange sie Pfarrfrau war, hatte sie ganz gern mit ihrem Mann zusammen im Mittelpunkt der Gemeinde und des Ortes gestanden. Sie hatte viele interessante Menschen kennen gelernt, hatte sich in merkwürdige und in bemerkenswerte Schicksale hineindenken können, hatte junge Menschen sich entwickeln und alte ihr Leben bedenken gesehen.

 

Also, dass sie es fünfundzwanzig Jahre mit ihrem Mann hätte aushalten müssen, das durfte sie nicht sagen. Aber hatte ihre Unzufriedenheit nicht auch noch andere Gründe gehabt? Friedrich Radomeit war kein großer Liebhaber. Er hatte aus der ostpreußischen Heimat seiner Eltern eine nüchterne und trockene Lebensauffassung mitbekommen. Dass er gefühllos gewesen sei, wollte sie nicht behaupten. Aber er hatte sich immer schwer damit getan, Gefühle zu zeigen. Sie zweifelte nicht daran, dass er ihre Mitarbeit geschätzt hatte, aber wann hatte er das einmal gesagt? Er liebte die Kinder, das war gewiss, aber wie hätten sie das merken sollen? Wenn sie Probleme hatten, waren sie zu ihr geflüchtet. Sie hatte das für normal gehalten, aber hätte er zumindest seinen Söhnen nicht auch mehr beistehen können? Er hatte Wandertouren mit den Kindern gemacht. Aber das ersetzt doch nicht die tägliche Bereitschaft, sich auf ihre Fragen einzulassen. Wann hatte er ihr nach ihrer Hochzeit noch einmal gesagt, dass er sie liebe? „Aber das weißt du doch, davon müssen wir doch nicht reden“, hätte er gesagt, wenn sie ihn darauf angesprochen hätte. Und darum hatte sie es unterlassen, Liebesschwüre einzufordern. Vielleicht war das auch ihre Schuld gewesen. Manchmal war es ja auch bequem gewesen, so nüchtern nebeneinander zu leben. Gefühle können doch auch sehr lästig sein.

 

Meike Reinertzen war auf der Fahrt in die Stadt und in ihr Büro im Finanzamt, als ihr diese Gedanken durch den Kopf gingen. Sie kannte die Strecke, da brauchte sie ihre Aufmerksamkeit nicht ausschließlich auf die Straße zu richten. Aber sie wusste immer noch nicht, wie sie sich verhalten sollte, wenn Friedrich wirklich vor ihrer Tür stünde.

 

Der Motor ihres Autos setzte aus, sprang wieder an, stotterte erneut und blieb stehen. Sie sah auf die Armaturen. Der Tank war leer. Schon seit Tagen hatte sie tanken wollen, es aber immer vergessen. Seit die Tankstelle in Amtstrup aufgegeben worden war, musste sie immer bei der Fahrt vor oder nach der Arbeit an einer der Tankstellen an ihrer Strecke vorfahren. Der Wagen rollte noch, wurde aber langsamer. Die Straße hat ein leichtes Gefälle, aber nach hundert Metern steigt sie wieder an. Dort würde ihr Wagen zum Stehen kommen. Ein Feldweg bog rechts ab. Sie lenkte ihr Auto in die Einmündung und hielt an.

 

Aus: Frauenchor, in: Reinhard Großmann, Angelner Sinfonie. Nordstrand 2019

 

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Reinhard Großmann

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