Schloss Gottorf

Arbeitsgemeinschaft Ur- und Frühgeschichte


AG Ur- und Frühgeschichte

Termine und Veranstaltungen der AG Ur- und Frühgeschichte 2017/2018

Zum Veranstaltungsprogramm der Arbeitsgemeinschaft Ur- und Frühgeschichte auf Schloss Gottorf in Schleswig gehörten im Berichtszeitraum 2017/18 verschiedene Fachvorträge zur schleswig-holsteinischen Archäologie und benachbarten Naturwissenschaften. Die Referentinnen und Referenten kamen aus dem Zentrum für Baltische und Skandinavische Archäologie Schloss Gottorf (ZBSA), dem Museum für Archäologie Schloss Gottorf (MfA) und dem Archäologischen Landesamt Schleswig-Holstein (ALSH) in Schleswig. Sie referierten über ihre aktuellen Forschungsarbeiten und stellten ihre aktuellen Ergebnisse von Ausgrabungen vor. In der Sommerpause
besuchten die Mitglieder das neu eröffnete Wikinger Museum Haithabu, wo sie vom Museumsmoderator Jürgen Tröger durch die Ausstellungsräume geführt wurden. Alle Vortragsveranstaltungen fanden in den Räumen des Johanna Mestorf Kollegs im Museum für
Archäologie Schloss Gottorf statt. Die Räumlichkeiten wurden wie in den Jahren zuvor freundlicherweise vom Vorstand der Stiftung Schleswig- Holsteinische Landesmuseen Schloss Gottorf unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Das Jahresprogramm wurde den Mitgliedern Anfang 2018 schriftlich ausgehändigt, die einzelnen Veranstaltungen sind außerdem in der lokalen Presse angekündigt worden. Im Anschluss an die Vorträge standen die Referenten für Nachfragen aus dem Publikum bereit oder konnten sich am Arbeitsplatz auf Schloss
Gottorf über die Forschungsvorhaben informieren.

In der Novemberveranstaltung 2017 berichtete der Leiter der Archäologisch- Zoologischen Arbeitsgruppe (AZA) und wissenschaftliche Mitarbeiter am ZBSA auf Schloss Gottorf, Dr. Ulrich Schmölcke, über seine Untersuchungen zur Geschichte der Tierwelt in Schleswig-Holstein und Angeln in den vergangenen 15.000 Jahren. Ulrich Schmölcke gehört seit Jahren zu den besten Kennern der heimischen vor- und frühgeschichtlichen Tierwelt und hat zahlreiche Publikationen zu Säugetieren, Vögeln und Fischen aus archäologischen Aus-grabungen verfasst. Um das vorgeschichtliche Tierartenspektrum zu erforschen ist die Archäolozoologie in der Regel auf die Hinterlassenschaften aus archäologischen Ausgrabungen angewiesen, denn Einzelfunde eiszeitlicher und nacheiszeitlicher Tiere sind selbst in dem an Feuchtgebieten reichen Schleswig-Holstein sehr selten. Als am Ende der letzten Eiszeit die abschmelzenden Gletscher die heutige Landschaft Angeln freigaben, wurde sie nach und nach von den ersten Pflanzen und Tieren besiedelt. Allerdings sind Überreste von Pionierarten der ersten Stunde wie Lemming, Schneehase und Schneehuhn ausgesprochen selten, nur das Rentier ist auf den archäologischen Fundstellen im Ahrensburger Tunneltal bei Hamburg relativ häufig vertreten. Nach und nach wanderten auch Wildpferde und Riesenhirsche ein und ergänzten so das Wildbret der späteiszeitlichen Jägergruppen. Weitaus besser bekannt ist die
Tierwelt der frühen Nacheiszeit zwischen 9600 und 8000 v. Chr., als die Jäger- und Sammlergruppen des Frühmesolithikums Elche, Ure,
Rothirsche und Wildschweine jagten. Darüber hinaus wurde gezielt Fallenstellerei auf Felllieferanten wie Biber, Wildkatze und Baummarder betrieben. Dies ist auch bereits die Haupteinwanderungszeit und fast alle Tierarten, die wir heute noch in Angelns Natur finden, sind damals aus dem Süden zu uns eingewandert. Etwas weniger bekannt ist die archäologische und tierartliche Entwicklung in Schleswig-Holsteins und damit auch in Angeln im Zeitraum zwischen 8000 und 6000 v. Chr., wo die Archäozoologen auf Material von Ausgrabungen in Mecklenburg- Vorpommern, Brandenburg und aus dem südlichen Dänemark zurückgreifen müssen. Die Untersuchungen zeigen ganz ähnliche Tierartenzusammensetzungen wie im frühen Mesolithikum mit einer Zunahme der Waldfaune wie Rothirsche, Rehe und Wildschweine. Am Ende der Mittelsteinzeit zieht es die Menschen an die Küsten von Nord- und Ostsee und es werden verstärkt Meeressäuger gejagt und Fische gefangen.

 

Der Vortrag beleuchtete auch spätere Etappen der Vor- und Frühgeschichte, das Tierartenspektrum des Mittelalters anhand von Funden aus Haithabu und Schleswig und bis hin zur Tierwelt der jüngsten Vergangenheit. Schließlich sind Wildkaninchen, Fasane und Damwild erst seit wenigen hundert Jahren ein Teil der „Geschichte der Tierwelt in Angeln“. Am 26. Januar 2018 referierte der wissenschaftliche Mitarbeiter am ZBSA und Promotionsstudent Markus Wild M.A. unter dem Titel „Hamburger“ verstehen lernen. Neues zum Verhalten der späteiszeitlichen Rentierjäger in Schleswig- Holstein“ über die vorläufigen Ergebnisse seiner Dissertation zu den Geweihresten von den Rentierjägerfundstellen im Ahrensburger Tunnel nordöstlich von Hamburg. Die Fundstücke wurden von Alfred Rust schon Mitte der 1930er Jahre ausgegraben und zählen aufgrund des umfangreichen Knochen- und Geweihmaterials zu den bedeutendsten Stationen der Späteiszeit im Norden. Die Jägergruppen der späteiszeitlichen Hamburger Kultur gehörten zu den ersten modernen Menschen, die nach dem Rückzug der Gletscher am Ende der letzten Eiszeit den Norden Europas besiedelt haben. Zu den wichtigsten Fundinventaren dieser Kultur zählen die schleswig-holsteinischen Stationen Meiendorf und Stellmoor. An diesen Fundstellen konnten neben Feuer-steinartefakten mehr als 20.000 Rentierknochen und -geweihe ausgegraben und für die Nachwelt erhalten werden. Diese Stücke bilden die Grundlage einer Doktorarbeitüber die grundsätzlichen Jagd- und Verhaltensweisen der „Hamburger Rentierjäger“ im Herbst.
 

Diese Jahreszeit nimmt im saisonalen Zyklus von Rentierjägern eine Sonderstellung ein, da nun ausreichend Vorräte für den langen Winter angelegt werden müssen. Zudem ist zu diese Zeit auch das Geweih der Rentiere voll ausgebildet und die Felle sind nach dem Fellwechsel am dichtesten und wärmsten. Auf der anderen Seite können sich Fehler bei der Nahrungsmittelversorgung in dieser Jahres-zeit auch verheerend auswirken, wenn unter Umständen nicht genügend Vorräte angelegt wurden oder zu wenig Geweih als Rohstoff für die Herstellung von Werkzeugen und wärmende Felle für Zelte und Kleidung erbeutet wurden. Ausgewertet werden u.a. Arbeitsspuren, Zerlegungstechniken und die Mengenanteile verschiedener Geweihteile. Anhand von Vergleichen mit Inventaren magdalenienzeitlicher Rentierjäger aus Süddeutschland und Nordfrankreich ist es möglich, einen kleinen Einblick in die Entscheidungen der Menschen vor 15.000 Jahren zu bekommen und dabei soziale, ökonomische, logistische und technologische Verhaltensmuster und deren Ursprung zu analysieren. Vom Landesamt für Denkmalpflege in Hemmenhofen am Bodensee und dem Museum für Archäologie Schloss Gottorf waren am 23. März 2018 die Biologin Insa Alice Lorenz und ihre technische Mitarbeiterin Anja Slotosch zu Gast bei der AG Ur- und Frühgeschichte.
 

Als ausgewiesene Kennerin der heimischen Pflanzenwelt und Spezialistin für Baumringchronologie stellte Frau Lorenz ihr Dissertationsthema „Mittelalterliche Bewaldung und Waldnutzung im Bereich der Schleswiger Landenge“ vor. Dabei ging sie zunächst auf die Methode der Dendrochronologie ein und stellte anschließend erste Ergebnisse ihrer Holzuntersuchungen an Pfählen
und Bauhölzern der Ausgrabungen im mittelalterlichen Haithabu und Schleswig vor. Die Dendrochronologie (Lehre vom Baumzeitalter)
ist mit ihren Jahrringkalendern die präziseste Datierungsmethode in der Archäologie. Jedes Holz archiviert Informationen zu den Wuchsbedingungen des Baumes in seinen Baumringen. Mit der Dendrochronologie werden diese Jahrringe von archäologischem Holz gemessen und ermöglichen eine aufs Jahr genaue Datierung. Daneben dienen die aus den Jahrringen gewonnenen Informationen dazu, auf die Waldlandschaft und Waldnutzung zu schließen. Am Beispiel der Hölzer von Haithabu und Schleswig kann gezeigt werden, welche Auswirkungen die Entstehung der frühen Städte auf den Wald in der Schleswiger Landenge hatten. Im Anschluss an den Vortag hatten die Mitglieder Gelegenheit, im Dendrolabor bei einer Führung von A. Slotosch einen persönlichen Eindruck davon zu bekommen, wie die Dendrochronologen arbeiten und welche technische Ausstattung dafür notwendig ist. Mit der vorläufigen Auswertung der steinzeitlichen Ausgrabung im Satrupholmer Moor beschäftigte sich der Vortrag der Archäologin Mirjam Briel M.A. vom ALSH (Außenstelle Neumünster) am 1. Juni 2018 auf Schloss Gottorf.

Das Satrupholmer Moor gehört seit Beginn der Feuchtbodenarchäologie zu den wichtigen Fundregionen mit Siedlungsspuren aus dem späten Mesolithikum in Schleswig-Holstein. Bereits in den 1920er Jahren waren dort Oberflächenfundstellen mit mesolithischen Flintartefakten bekannt und von den lokalen Amateurarchäologen regelmäßig abgesammelt worden. Unter ihnen gehört der Fundplatz
Satrup LA 2 am Nordufer des Moores zu den fundreichsten Stationen. Archäologische Geländeuntersuchungen in den 1950er Jahren sowie Nachgrabungen in den Jahren 2010 und 2011 erbrachten neben zahlreichen mesolithischen Flintartefakten auch sehr gut erhaltene Tierknochen sowie mehrere Äxte und Druckstöcke aus Geweih. Den Radiokarbondaten nach zu urteilen gehört die Siedlung Satrup LA 2 zur südlichen Ausprägung der in Südskandinavien verbreiteten spätmesolithischen Kongemose Kultur. Im Süden der Kimbrischen Halbinsel ist diese Kulturperiode auch als Trapezmesolithikum bekannt. Diese Bezeichnung für den Zeitabschnitt zwischen 6500 und 5500 v. Chr. wurde deshalb gewählt, weil sich das Pfeilspitzenspektrum durch verschiedenartige trapezförmige Pfeil-bewehrungen aus Flint auszeichnet.

In ihrer Präsentation Der Fundplatz Satrup LA 2 im Satrupholmer Moor. Eine außergewöhnliche Siedlung des Mesolithikums und frühen Neolithikums stellte Frau Briel die Ergebnisse der archäologischen Rettungsgrabung aus dem Sommer 2016 vor. Fünf Wochen lang grub dort ein dänisch-englisch-deutsches Team unter ihrer Leitung im Auftrag des Archäologischen Landesamtes Schleswig-Holstein einen kleinen Teil der Siedlung Satrup LA 2 aus. Dabei wurden umfangreiche Fundschichten aus der ausgehenden Mittelsteinzeit und keramische Einzelfunde der frühen Jungsteinzeit angetroffen. Wie schon bei den Altgrabungen hatten sich in den kalkreichen Bodenschichten neben Steinwerkzeugen, Klingen und Abfallprodukten der Flintgeräteherstellung auch viele Knochen- und Geweihreste der steinzeitlichen Jagdbeutetiere erhalten. Die Auswertung der über eintausend Knochenreste von Säugetieren durch den Archäozoologen Ulrich Schmölcke erbrachte neue Erkenntnisse zur Tiernutzung und zum Jagdverhalten. So transportierten die Jäger beispielsweise nicht den ganzen Kadaver ihrer fernab der Siedlung erlegten Jagdbeute zum Lagerplatz, sondern nur die fleischreichen Teile, die dort dann zubereitet und verspeist wurden. Die Artenzusammensetzung mit etwa gleichen Anteilen von Ur, Elch, Rothirsch und
Wildschwein in Verbindung mit dem Alter der getöteten Tiere zeigt, dass die Mehrzahl der Knochen von großen ausgewachsenen Tieren mittleren Alters stammt. Die Jagdstrategie war offenbar auf maximalen Fleischertrag ausgerichtet und stellte die Jägergruppen sicherlich bei der Jagd auf die kräftigen Tieren vor große und gefährliche Herausforderungen. Die naturwissenschaftlichen Auswertungen der pflanzlichen Großreste und Pollen aus den Kulturschichten werden darüber hinaus neue Erkenntnisse zur Umwelt der späten Jäger und Sammler und ersten Bauern in Norddeutschland liefern. Die Möglichkeiten und Anwendun des Geografischen Informationssystems (GIS) in der Archäologie war das Thema des Vortrags der Diplomgeografin Karin Göbel vom ZBSA auf Schloss Gottorf am 28. September 2018. Am Beispiel des frühvölkerwanderungszeitlichen Fürstengrabes von Poprad-Matejovce konnte sie aufzeigen, welches Potential bei der Auswertung und der 3D-Rekonstruktion einer gut erhaltenen hölzernen Grabkammer in dieser Software steckt. In der Präsentation unter dem Titel „GIS-Untersuchungen zum Kammergrab von „Poprad-Matejovce“ wurde auch dargelegt, wie aufwendig und schwierig die Arbeiten am Computer und die 3D-Rekonstruktion der inneren Grabkammer sind. Der Fundplatz Poprad liegt in der Region Tatry am südöstlichen Fuß der Hohen Tatra in der Nordostslowakei. Das im Jahr 2005 bei Bauarbeiten entdeckte Kammergrab weist eine einzigartige Holzerhaltung auf. Die Balkenabdeckung der äußeren Kammer ist so gut erhalten, dass der Baggerfahrer zunächst von einer
Abdeckung eines Unterstandes aus dem Ersten Weltkrieg ausgegange war und aus Angst vor Munitionsresten die Behörden informiert hatte.

Die Grabanlage aus dem späten 4./frühen 5. Jahrhundert n. Chr. hat eine Grundfläche von 3 x 4 m mit einer Höhe von 2,5 m und besitzt eine hölzerne Innenkammer mit einer Grundfläche von 2,75 x 1,5 m und einer Höhe von 1,6 m. Leider wurde das Grab schon kurz nach der Beisetzung ausgeraubt. Allerdings sind fast 60 Bestandteile des Mobiliars sowie farbige Textilien und wertvolle Kleinfunde aus Edelmetall, Glas und Holz von den Grabräubern verschont und unentdeckt geblieben.

U.a. ließen die Räuber Teile des Totenbettes und der Totenbahre und einen gedrechselten Tisch in Einzelteile zerlegt am Tatort zurück. Auf diese Weise ermöglichten sie uns heute einen phantastischen Eindruck von den tischlerischen Fähigkeiten dieser Zeit. Da es in der Slowakei keine Möglichkeiten zur Holzkonservierung in dieser Größenordnung gab, wurden die hölzernen Bestandteile des Grabes quer durch Europa nach Schleswig in die Holzkonservierungswerkstatt des Museums für Archäologie gebracht. Aus Zeitgründen sind viele Teile des Grabes als Block entnommen worden, die später in Schleswig und in Hannover in einem Labor fachmännisch ausgegraben wurden. Mit Hilfe des GIS-Programms konnten alle Daten wie Grabungspläne, Scans der 105 Konstruktionshölzer und des Mobiliars in einem 3D-Modell zusammengeführt und ausgewertet werden.
Während der vortragsfreien Sommerpause besuchten die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft am 22. Juni 2018 das im Mai 2018 wieder-eröffnete Wikinger Museum Haithabu. Die Dauerausstellung selbst ist nur zu kleinen Teilen während der Schließung erneuert worden, darunter eine Vitrine zu den Neufunden der Ausgrabungen auf dem Flachgräberfeld im vergangenen Sommer 2017.Die hochwertigen Grabbeigaben aus Edelmetall ergänzen das schon bekannte Fundspektrum aus den Gräbern von Haithabu um einige interessante Neufunde aus den Kategorien Schmuck und Trachtzubehör. Der Moderator Jürgen Tröger erläuterte lebhaft und gut informiert an aus-gewählten Ausstellungsobjekten wie beispielsweise dem Schiffswrack 1 aus dem Hafen von Haithabu, wie die Wikinger vor gut 1000 Jahren ihre Schiffe gebaut haben und sie auf Ostsee und Schlei segelten. Darüber hinaus konnte er anhand verschiedener Funde und der Aufzeichnungen zeitgenössischer Autoren darstellen, wie die Menschen im damaligen Haithabu gelebt, gewirtschaftet und sich versorgt haben.
Am 24. März 2018 besuchte der Berichterstatter die Beirats- und Vorstandstagung des Heimatvereins der Landschaft Angeln im Schützenheim in Hollmühle/Struxdorf. Dort wurde der Jahresplan der AG Ur- und Frühgeschichte für 2018 vorgestellt und ein Rückblick auf die Veranstaltungen in 2017 gegeben. Die vom Vorstand diskutierten Tagesordnungspunkte (u.a. Stand Jahrbuch 2018, Neuauflage Kleine Reihe) wurden den AG-Mitgliedern in der Juniveranstaltung auf Schloss Gottorf mitgeteilt.

Sönke Hartz
(Leiter AG Ur- und Frühgeschichte)
AG Ur- und Frühgeschichte