Arbeitsgemeinschaft

Ur- und Frühgeschichte

Kontaktadresse:
Sönke Hartz
Stexwigfeld 5a, 24857 Borgwedel
Tel.: 04354 1342
E-Mail: soenke.hartz66@gmail.com

Tätigkeitsbericht 2025

Im Berichtszeitraum 2024/25 hat die Arbeitsgemeinschaft Ur- und Frühgeschichte fünf Vortragsveranstaltungen zur Ur- und Frühgeschichte
Schleswig-Holsteins und eine Exkursion zu einer archäologischen Ausgrabung durchgeführt.

Die Vorträge fanden jeweils am Freitagnachmittag im Bürgersaal des Gemeindehauses Sörup statt. Die Präsentationen reichten von archäologischen Themen der schleswigholsteinischen Denkmalpflege bis hin zu neuen Forschungen zu den eisenzeitlichen Moorleichen und den neuen Neandertalerfunden in Drelsdorf im Kr. Nordfriesland. Die Exkursion führte die Mitglieder der AG Ur- und Frühgeschichte zur Ausgrabungsstätte Ladelund, wo das Archäologische Landesamt Schleswig-
Holstein (ALSH) eine mehrwöchige Hauptuntersuchung auf einer mehrphasigen frühgeschichtlichen Siedlung durchgeführt hat. Die vier Fachvorträge zu aktuellen Forschungsergebnissen und archäologischen Geländeuntersuchungen wurden von L. Harten, A. Abegg-Wigg, A. Maaß und V. Klems (alle Schleswig) und dem Verfasser (Borgwedel) gehalten.
Den ersten Vortrag im September 2024 unter dem Titel „Bollingstedt LA 41: Eine ländliche Siedlung der römischen Kaiserzeit mit Eisenverhüttung aus Raseneisenstein auf der Schleswiger Geest“ hielt Lorenz Harten M.A. vom ALSH in Schleswig. Bei der Erschließung eines Neubaugebietes am Nordrand der Gemeinde Bollingstedt im Kreis Schleswig-Flensburg wurden im Rahmen einer archäologischen Voruntersuchung 2023 Spuren einer ländlichen Siedlung der römischen Kaiserzeit entdeckt. Die Ausgrabungen auf einer Fläche von einem Hektar wurden von April bis Juli 2023 vom Archäologischen Landesamt in Schleswig (ALSH) durchgeführt. Bis dahin waren auf dieser Fläche wie in und um Bollingstedt überhaupt nur wenige vor- und frühgeschichtliche Einträge in der Archäologischen Landesaufnahme verzeichnet, am bekanntesten ist wohl die mittelalterliche Motte (Turmhügelburg) im Bollingstedter See, dazu kommen einige singuläre Eisenschlackenfunde und bronzezeitliche Grabhügel östlich des Dorfes.
Das Ausgrabungsgebiet wurde in zwei Flächen aufgeteilt, die westlich und östlich der Straße Drebenholt liegen. Aus ca. 1.300 Einzelbefunden wie Pfostenlöcher von Gebäuden und Pallisaden, Rennfeueröfen, Gruben und Gräben (Abb. 1) ließen sich u.a. 15 Konstruktionseinheiten erschließen, darunter zwei mehrphasige Hofanlagen mit Palisaden und sogenannten zaunparallelen Anlagen unbekannter Funktion. Sie belegen eine Wohnplatzkontinuität über
mehrere Generationen. Die Pfostenlöcher gehören zu dreischiffigen Langhäusern vom sog. Osterrönfelder- Typ und sind ca. 20 Meter lang und 5 Meter breit die weit über 200 mit Schlackeresten gefüllten Gruben von Rennfeueröfen zeugen von einer intensiven Nutzung des lokalen Raseneisenerzes. Die Öfen sind jünger als die Gebäude und dienten der Selbstversorgung der Siedlung, zahlreiche kleine Metallplättchen (Hammerschlag) in einer Grube lassen auf die Weiterverarbeitung des in den Öfen gewonnenen Roheisens in einer Schmiede schließen. In anderen Gebäuden wurden wohl Bernstein verarbeitet und Textilien hergestellt. Die Siedlungsbelegung ist aufgrund von Keramikfunden in das 1. bis 4. Jh. n. Chr. zu datieren, auch Größe und Form der Gebäude sprechen für diese Zeitstellung. Die Ergebnisse der Grabungen in Bollingstedt und in anderen Orten im Norden Schleswig-Holsteins sind Belege dafür, dass diese Region seit dem Beginn des ersten Jahrhunderts n. Chr. bereits relativ dicht besiedelt war und eine entwickelte Kulturlandschaft darstellte.
Am 29. November 2024 referierte die Archäologin Dr. Angelika Abegg- Wigg aus Schleswig über den Stand der Forschungen zu den Moorleichen aus Schleswig-Holstein. Seit Anfang der 2000er Jahre ist sie als Kustodin für Eisenzeit am Museum für Archäologie in Schleswig auf Schloss Gottorf u.a. für den Sammlungsbereich Eisenzeit, die Moorleichenausstellung, das Nydamboot und die Bearbeitung des Fürstengrabes von Neudorf-Bornstein zuständig. Mehr als 150 Jahre sind die Forschungen an den sog. Moorleichen, also frühgeschichtliche menschliche Überreste aus Mooren oder Torfsedimenten, alt. Eine der ersten stammt aus dem Großen Moor bei Rendwühren im Kreis Plön und wurde 1871 gefunden Probenmaterial der auf dem Bauch liegenden Überreste wurden dem Arzt und Naturforscher Rudolf Virchow nach Berlin übergeben, der einen ersten Bericht erstellte. Aus dieser Zeit stammt auch das älteste Foto einer schleswig-holsteinischen Moorleiche. Nur wenig später wurde der „Mann von Rendswühren“ zusammen mit anderen Fundstücken von der großen alten Dame der
Moorleichenforschung, der Kieler Professorin Johanna Mestorf, publiziert. resten aus dem Oldenburger Graben in Ostholstein nur das Knochenskelett oder Teile davon überliefert sind. Insgesamt 10 Moorleichen befinden sich im Magazin des MfA auf
Schloss Gottorf, davon werden fünf Beispiele aus Dätgen, Damendorf, Osterby, Rendswühren und Windeby in der Ausstellung präsentiert. Anthropologische, paläopathologische, medizinisch-diagnostische und radiometrische Untersuchungen an ihnen liefern Erkenntnisse zu Größe und Alter, Körperbau, Ernährungszustand,
Todesursache, im Glückfall auch zur Bekleidung und Haartracht (Osterby, Dätgen). Seit den 2000er Jahren kommen genetische und minimalinvasive Analysemethoden wie die Isotopenbestimmung hinzu, die Aufschlüsse zum Geschlecht und Krankheitsbild liefern können. Beim bekanntesten Moorleichenfund aus Schleswig-Holstein, dem 14–18 Jahre alten „Kind von Windeby“, konnten in Knochenscans die Wachstumsringe (Harrislinien) untersucht werden, die Hinweise auf Verletzungen und Mangelernährung ergaben. Kurz vor seinem Tod nahm das Kind pflanzliche Nahrung und wenig Fleisch zu sich, der Verzehr von Fisch oder Muscheln ist nicht nachgewiesen. Leider ist das Geschlecht trotz mehrfacher Analysen noch immer ungewiss, da aus den Knochen nur wenig verwertbare DNA extrahiert werden konnte. Von den ca. 1.100 bekannten
Moorleichen stammen 130 aus Deutschland, darunter knapp 60 Exemplare aus Schleswig-Holstein. Das Fundgebiet reicht von England über die Niederlande und Nordwestdeutschland bis nach Südskandinavien, mit einem Schwerpunkt im dänischen Jütland. Der Erhaltungszustand ist sehr variabel, so sind beim sog. „Kind von Windeby“ westlich von Eckernförde (Windeby I) Haut, Knochen und Kleidungsreste erhalten geblieben während bei anderen Moorfunden wie z.B. aus Kühsen im Kr. Herzogtum- Lauenburg oder von den Menschen Fast alle Moorleichen aus Schleswig-Holstein datieren in die römische Kaiserzeit, also in die Zeit zwischen Christi Geburt und ca. 375 n. Chr., nur einige wenige Einzelfunde sind älter und stammen aus der Bronzezeit und der vorrömischen Eisenzeit. Die Deutung der Moorleichen aus Schleswig-Holstein ist vielfältig und reicht von einem Unglückfall über Strafjustiz bis zur Niederlegung als Opfer. Am wahrscheinlichen ist die Interpretation als Sonderbestattung in Form eines Körpergrabes (z.B. Windeby I, auch Rendswühren und Kühsen), wenn die Niederlegung in einer Grabgrube, das Auftreten von Beigaben und die sorgfältige Bedeckung mit Zweigen berücksichtigt werden.
Ein Vortrag zur Besiedlungsgeschichte der Wikingerzeit wurde am 28. März von Dr. A. Maaß aus Schleswig gehalten. Er referierte unter dem Titel „Die Ausgrabungen in Ladelund“ über die aktuellen Grabungsergebnisse seiner 2024 beendeten Siedlungsgrabungen in Ladelund im Kr. Schleswig-Flensburg. Nach dem Besuch der Ausgrabung
durch die AG-Mitglieder im September 2024 (s. unten) konnte er nun die abschließenden Ausgrabungsergebnisse präsentieren. Die guten Erhaltungsbedingungen für
Siedlungsspuren auf der ca. 3 Hektar großen Ausgrabungsfläche haben die Erwartungen des Grabungsteams übertroffen. So gibt es Grabenstrukturen, Grubenhäuser und lineare Pfostensetzungen, aus denen sich Hausgrundrisse rekonstruieren lassen. Sie stammen aus der Bronzezeit (1700–600 v. Chr.), der römischen Kaiserzeit (1.–6. Jh. n. Chr.) und der Wikingerzeit (9.–12. Jh. n. Chr.), wie Fundstücke aus Feuerstein (Lanzettdolch) sowie Keramikscherben aus Gruben, Fibeln, Glasperlen und andere Fundstücke vermuten lassen. Aus der Wikingerzeit wurden ein 7 Meter breites, schiffsförmiges Langhaus vom sog. Trelleborgtyp, etwa 20 bis zu einem Meter in den Boden eingetiefte Grubenhäuser und ein 30 Meter langer und 10 Meter breiter Hallengrundriss mit zentraler Feuerstelle freigelegt. Ein besonders großes Grubenhaus mit einer Ausdehnung von 5x8 Metern sticht aus den Befunden heraus: Es ist mit einer 5 Meter langen Einstiegsrampe und einer Schwelle ausgestattet, die in einen Vorraum münden. Im Innenraum des Hauses befanden sich ein gut erhaltener Ofen, eine Schmiedeesse, zahlreiche eiserne Niete, ein mächtiger Ambossstein, Webgewichte, Spinnwirtel und Perlen aus Glas- und Bergkristall. In weiteren Grubenhäusern und Abfallgruben wurden neben Keramikscherben, Webgewichten und Rotlehmhaufen auch Tierknochen von Schafen und Ziegen, Schweinen und Hühnern entdeckt, die auf eine rege Viehwirtschaft schließen lassen. Daneben gibt es in den Häusern Herd- bzw. Feuerstellen und einen singulären, sehr gut erhaltenen Ofen aus Feldsteinen, bei dem es sich vermutlich um einen Backofen handelt. Der einzige Brunnen vor Ort entpuppte sich als hölzerner Kastenbrunnen mit vier Pfosten und einer seitlichen Bretterlage als Stützwand. Umfangreich ist auch das metallische Fundgut: es kam überwiegend bei den systematischen Detektorbegehungen zum Vorschein und besteht u.a. aus Bleiwürfeln, einer Scheibenkopffibel, Bronzeknöpfen, Münzen, einem
eisernen Schlüssel und Hacksilber.
Im Juli 2024 hatten die AGMitglieder die Ausgrabungen des Siedlungsplatzes Kappeln/Loitmark LA 55 aus der römischen Kaiserzeit besucht. Am 23. Mai war die Ausgräberin Veronika Klems M.A. in Sörup zu Gast und stellte unter dem Titel „Neue Siedlungsgrabungen zur römischen Kaiserzeit bei Kappeln/Kopperby“ ihre aktuellen Ergebnisse zu den laufendenden Geländeuntersuchungen vor. Frau Klems ist Mitarbeiterin am Archäologischen Landesamt in Schleswig und dort im Referat 1, Abteilung 4 (Praktische Archäologie) beschäftigt. Auf der 17 Hektar großen Untersuchungsfläche, die im Vorfeld der Erschließung eines Gewerbegebietes archäologisch erfasst wird, waren in der Archäologischen Landesaufnahme nur undatierte Einzelfunde bekannt gewesen. In der Umgebung wurden allerdings zu Beginn des 20. Jh. schwarze Tongefäße in einem Moor (LA 42) und eine kleine Anzahl von Urnen (LA 48) gefunden. Bei der Voruntersuchung in 2023 hatte man auf dem Gelände 30 Baggerschnitte mit Nord-Süd-Orientierung angelegt, um ggf. die Verläufe von Hausstrukturen zu erfassen, denn die Häuser aus der römischen Kaiserzeit waren in der Regel Ost- West ausgerichtet. In der Kampagne 2025 (Hauptuntersuchung) wurde das 5 Hektar große Grabungsareal in insgesamt 7 Flächen unterteilt und diese nach und nach abgearbeitet. Nach dem Abtrag des Oberbodens konnten 2.770 Befunde festgestellt, eingemessen und markiert werden. Es handelt sich dabei um zwischen 01, Meter und 0,4 Meter tiefe Pfostengruben von Langhäusern, Kochsteingruben, Materialentnahmestellen, verschiedene Vorratsgruben und verfüllte Wasserschöpfstellen. Mehrere Gräben und zaunparallele Anlagen gehören ebenfalls zum Siedlungsbild. Die Pfostensetzungen lassen sich 23 Hausgrundrissen zuordnen, darunter die meisten vom sog. Osterrönfeld-Typ, also bis zu 20 Meter lange und 8 Meter breite Wohnstallhäuser mit einem Wohnbereich im Westen und dem Viehstall im Osten. Holzkohleproben wurden
systematisch aus den Pfostenlöchern für Radiokarbondatierungen ausgesiebt und werden nach Abschluss der Grabungen absolute Altersangaben zur Siedlung liefern. Zu den archäologischen Fundstücken gehören verzierte Tonscherben, zwei Glasperlen, Tierknochen von Schwein, Rind, Pferd und Schaf/Ziege sowie Detektorfunde von zwei Münzen aus dem 2. Jh. n. Chr., Hacksilber und zwei Fibeln. Die Tierknochen, Hausgrundrisse und verzierten Tonscherben sprechen dafür, dass die Siedlung in Kappeln-Loitmark ein landwirtschaftliches Gepräge hatte und in der Zeit zwischen Christi Geburt und dem 4. Jh. n. Chr. bestand.
Am 17.10.2025 stellte der Verfasser die neuesten Ergebnisse der archäologischen Untersuchungen auf der Neandertaler-Fundstelle Drelsdorf LA 50 nördlich von Husum vor. Dort hatte der Landwirt und Hobby- Archäologe Hand Ingwer Boockhoff in den 1970er Jahren zahlreiche Artefakte von Feldern aufgesammelt, die eine ungewöhnliche Form und Oberflächenbeschaffenheit aufwiesen. Die Fundstücke zeigten teils stark glänzende Polituren, abgerundete und verschliffene Kanten, Frostrisse und pockennarbige oder gekritzte Oberflächen. Diese besonderen Merkmale sind auf geologische Umlagerungsprozesse im eiszeitlichen Permafrostboden und auf Sanddrift in den eisfreien Gebieten zurückzuführen und können nur zur Zeit des Hochglazials in der letzten Eiszeit entstanden sein. Ein nacheiszeitliches Alter der Fundstücke ist daher ausgeschlossen. Weitere Artefakte Boockhoffs aus den 1980/1990er Jahren bestätigten diese Annahme durch ihre typische Form, Oberflächenbeschaffenheit und Schlagtechnik.
Die Sammlung Boockhoff aus der mittleren Altsteinzeit umfasste bis ins Jahr 2000 gut 150 Abschläge und Klingen, 25 Kernsteine und 10 Werkzeuge, darunter auch zwei Faustkeile und sechs Schaber. Inzwischen konnte das Fundinventar um mehr als 100 Stücke erweitert werden, die meisten davon entdeckte der Hobby-Archäologe Hauke Jürgens aus Flintbek. Im Mai 2021 machte er einen ganz besonderen Fund. Es handelt sich um ein 8,5 Zentimeter langes, blattförmiges Flintgerät mit den typischen Schlagmerkmalen eines Neandertaler-Werkzeugs. Ein Jahr später kam ein ähnlich bedeutender Fund hinzu, diesmal ein 9,6 Zentimeter langer Schaber von grob dreieckiger Form mit leicht konvexer Arbeitskante). Konnten an dieser Stelle eventuell noch weitere Funde und Fundschichten im Untergrund erhalten geblieben sein? Im November 2021 wurden mehrere Suchschnitte angelegt und der Grabungsaushub sorgfältig durchsucht. Es zeigte sich, dass ab einer gewissen Tiefe auch scharfkantige Flintobjekte ohne die starken Oberflächenveränderungen auftraten. Da die Bodenschichten aber durch Umlagerungen im eiszeitlichen Permafrostboden stark verstellt sind, war die Zuordnung der Neufunde zu einem bestimmten Sediment nicht eindeutig möglich. Nach den neuen Erkenntnissen aus den Suchschnitten hat sich das Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Erlangen entschlossen, mit Unterstützung zahlreicher freiwilliger HelferInnen in den Jahren 2023 und 2024 zwei dreiwöchige archäologische Forschungs- und Lehrgrabungen durchzuführen. Ziel war es, weitere neandertalerzeitliche Artefakte zu finden und den Zusammenhang zwischen den Funden und Bodenschichten zu überprüfen. Unter der Leitung von Dr. Marcel Weiß arbeiteten Studentinnen der Erlanger und Kieler Universität mit Fachleuten und ehrenamtlichen
Freiwilligen aus Schleswig-Holstein zusammen. Eine 20 m² große Fläche wurde geöffnet und sukzessive mit der Kelle abgetieft. Das ausgegrabene Sediment wurde vor Ort feingeschlämmt, um auch die kleinsten Funde nicht zu übersehen. Aus den beiden Grabungskampagnen lassen sich erste Ergebnisse zusammenfassen. Flinttechnologisch passen die frischen Artefakte gut zu den beiden Geräten, die Hauke Jürgens 2021/22 im Umfeld der Grabungsfläche gefunden hatte. Weiterhin konnten zahlreiche längliche-schmale Artefakte, sog. Mikroklingen oder Lamellen, entdeckt werden. Diese Stücke waren bisher in Drelsdorf unbekannt und wurden nur aufgrund der verfeinerten Grabungsmethodik gefunden. Die Lamellen verbinden das Fundinventar formenkundlich wie technologisch mit Neandertaler-Fundstellen weiter im Süden. Damit öffnet sich in Drelsdorf eine ganz neue Tür für die Neandertalerforschung im Norden. Vieles ist noch unbekannt über den Lebensalltag und die sozialen Verhaltensweisen unserer altsteinzeitlichen Vorfahren im Norden, aber als hochspezialisierte Jäger werden sie wahrscheinlich vorrangig Großwildjagd betrieben haben, nutzten aber vermutlich auch die heutige Ostenau zum Fischfang. Darüber hinaus lieferte die Drelsdorfer Altmoräne den Jägergruppen das Rohmaterial zur Herstellung ihrer Jagd- und Gebrauchswerkzeuge aus Feuerstein.
Am 17.10.24 besuchten die Mitglieder der AG Ur- und Frühgeschichte eine archäologische Siedlungsgrabung in Ladelund. Der Grabungsleiter A. Maaß empfing die 14 Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf der 3 Hektar großen Ausgrabungsfläche, die im Anschluss an eine Voruntersuchung im Sommer 2023 im Rahmen einer mehrmonatigen Hauptuntersuchung ausgegraben wurde. Das Grabungsteam dokumentierte in dem zukünftigen Neubaugebiet frühgeschichtliche Siedlungsspuren
größeren Ausmaßes, die sich im hellen Sand als dunkel verfärbte Reste von Grubenhäusern, Pfostengruben von Langhäusern und separate Einzelgruben abzeichneten. Die Befunde wurden sorgfältig gezeichnet und fotografiert, die Grubeninhalte auf Kleinfunde hin gesiebt und teilweise zur Bestimmung archäobotanischer Reste beprobt. Von primärem Interesse sind die weitläufigen Siedlungsreste aus der Wikingerzeit. Sie gruppierten sich auf zwei sandigen Flächen nördlich und südlich einer fundfreien Senke und dünnten nach Süden Richtung Ortsmitte Ladelund aus. Ob es sich dabei um zwei getrennte Siedlungen oder eine größere zusammenhängende handelt, war zum Zeitpunkt des Besuches noch unbekannt. Bislang wurden ein Langhaus vom sog. Trelleborgtyp und knapp zwei Dutzend Grubenhäuser freigelegt. Ein großer Schalenstein
mit mehreren kleinen Vertiefungen stammt vermutlich von einem nahegelegenen Grabhügel und diente den Wikingern als Ambossstein. Metallfunde sind allgemein selten auf aufgelassenen Siedlungsplätzen. Mit dem Metalldetektor wurden aber Reste einer vergoldeten Statuette und einige Münzfragmente entdeckt. Der einzige Brunnen auf dem riesigen Gelände war zum Zeitpunkt des Besuches noch nicht abschließend untersucht worden. Hier hoffen die Archäologen im Grundwasserbereich
auf variable organische Reste, die ihnen Informationen zu den Lebensverhältnissen und Nahrungsgewohnheiten der Menschen in der Wikingerzeit liefern.

Sönke Hartz
(Leiter AG Ur- und Frühgeschichte
 

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