Schloss Gottorf

Arbeitsgemeinschaft Ur- und Frühgeschichte

AG-Leiter: Dr. Sönke Hartz, Stexwigfeld 5a, 24857 Borgwedel, Tel.: 04354 1342, E-Mail: soenke.hartz@schloss-gottorf.de


Jahresbericht der AG Ur- & Frühgeschichte

Die Arbeitsgemeinschaft Ur- und Frühgeschichte konnte im Berichtszeitraum 2021/22 nur drei Veranstaltungen zu ur- und frühgeschichtlichen Themen aus Schleswig-Holstein durchführen. Aufgrund der Corona-Pandemie waren beide Jahresprogramme stark eingeschränkt, teilweise mussten Präsentationen kurzfristig aufgrund der Erkrankung von Referenten abgesagt werden. Die Vorträge fanden im Bürgersaal des Gemeindehauses Sörup statt, der freundlicherweise von der Gemeinde Sörup unentgeltlich zur Verfügung gestellt wurde. Im Anschluss an die Fachvorträge standen die Referenten den Gästen für Nachfragen bereit, die häufig zu interessanten Diskussionen führten.
Die beiden Frühjahresexkursionen 2022 führten die Mitglieder der AG Ur- und Frühgeschichte zu Ausgrabungsstätten in Süderbrarup-
Brebel und Norderbrarup. Dort wurden vom Archäologischen Landesamt Schleswig-Holstein (ALSH) in Schleswig mehrwöchige Untersuchungen von Siedlungsstrukturen aus der römischen Kaiserzeit und aus der Wikingerzeit durchgeführt.
Alle Veranstaltungen sind in der lokalen Presse angekündigt worden, so dass nicht nur die Vereinsmitglieder, sondern auch die historisch interessierte Bevölkerung aus Angeln Gelegenheit hatte, die Grabungsstätten zu besuchen und einer fachkundlichen Führung durch Mitarbeiter des ALSH beizuwohnen.
Die drei Vorträge zu archäologischen Projekten und aktuellen Ergebnissen von archäologischen Geländeuntersuchungen wurden von Dr. Bente Majchczack aus Kiel, Werner Pfeifer aus Albersdorf und dem Berichterstatter gehalten.
In der Septemberveranstaltung2021 referierte der Fachwissenschaftler Dr. B. Majchczack von der CAU Kiel über seine Forschungen zu frühmittelalterlichen Fundstellen auf den Nordfriesischen Inseln, die er interdisziplinär mit Kolleginnen und Kolleginnen zwischen 2013 und 2018 durchgeführt hatte. Bereits seine Magisterarbeit aus dem Jahre 2011 handelte von Funden und Fundstellen aus Nordfriesland. In seinem Vortrag „Handel und Handwerk im 8. Jahrhundert auf Sylt und Föhr. Forschungen zum nordfriesischen Frühmittelalter“ ging er intensiv auf die beiden Nordseeinseln während der Wikingerzeit ein und gab Einblicke in aktuelle Forschungsergebnisse und die jeweiligen insularen Beson derheiten.
Noch zu Beginn dieses Jahrhunderts war die Frage nach der Rolle der Nordfriesischen Inseln innerhalb der frühmittelalterlichen Handelsnetzwerke weitgehend ungeklärt. Erst eine systematische Luftbildprospektion ab 2006 und großflächige geomagnetische Messungen führten zur Entdeckung mehrerer gut erhaltener Siedlungsplätze, die im Rahmen von baubegleitenden Rettungsgrabungen und innerhalb des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekts „Nordseehäfen“ detailliert untersucht werden konnten. Die Siedlungsforschungen zum Hafenprojekt auf der Insel Föhr und die Auswertung der Ausgrabungen in Tinnum auf Sylt haben einen in Nordfriesland bisher unbekannten Siedlungstyp erbracht, der zu Beginn der frühmittelalterlichen Besiedlung der Inseln starke Handelsaktivitäten aufzeigt. Im späten 7. Jahrhundert wanderten die ersten Friesen ein, bauten Höfe und gründeten spezialisierte Handels- sowie Handwerkersiedlungen.

 

Archäologische Forschungen des Referenten und des ALSH in Schleswig werfen neues Licht auf die wirtschaftlichen Aktivitäten und die Teilnahme der Inselfriesen in einem nordseeweiten Handelsnetz. Die Funde und Ausgrabungsergebnisse aus Tinnum, Keitum und Wenningstedt auf Sylt wie auch aus Witsum und Goting auf Föhr illustrieren die Zeit der Einwanderung und die rasche Entwicklung der Handelsplätze. Durch Herstellung von Textilien und die Verarbeitung von Glas und Bernstein erreichten die Inseln im 8. und 9. Jahrhundert wirtschaftlich ihre Blütezeit. Rheinische Importe wie Drehscheibenkeramik, Mühlensteine aus Basaltlava und Luxusartikel wie Hohlgläser, Wein, Schmuck und Edelmetalle aus dem fränkischen Reich wie auch das Vorkommen von Bruchglas als Rohstoff zeugen von einem starken Importstrom, der erst im 10. Jahrhundert verebbte.
Am 25. März 2022 informierte der Berichterstatter die Mitglieder der AG unter dem Titel „Neandertaler in Schleswig-Holstein. Der mittelpaläolithische Fundplatz Drelsdorf LA 50 im Kreis Nordfriesland“ über die neuesten Ergebnisse der Geländeforschungen zu unseren frühen Vorfahren an der Westküste Schleswig-Holsteins. Die Fundstelle Drelsdorf ist eine der wenigen Plätze nördlich der Elbe, wo Spuren der Neandertaler in Form von Flintartefakten sicher nachgewiesen sind. Die ersten Funde stammen aus den 1960/70er Jahren aus der Sammlung von H.I. Boockhoff, seit 2015 wurde der Fundplatz dann jährlich systematisch durch wissenschaftliche Mitarbeiter des Museums für Archäologie Schloss Gottorf, des Niedersächsischen Instituts für historische Küstenforschung in Wilhelmshaven sowie ehrenamtlichen Amateurforschern aus Schleswig-Holstein und den nördlichen Niederlanden abgesammelt.

 Inzwischen umfasst das Inventar mehr als 150 Fundstücke, darunter Faustkeile, Schaber, Keilmesser und Abschläge und Kernsteine, die die Existenz von Neandertalern in Schleswig-Holstein sicher belegen. Einen wichtigen Beitrag zu den aktuellen Forschungen leistet
auch H. Jürgens aus Flintbek, der den Fundplatz seit 2018 systematisch begeht und zahlreiche Neufunde entdeckte. Aufgrund dieser Stücke entschlossen sich die Wissenschaftler aus Schleswig und Wilhelmshaven im November 2021 zu Testgrabungen im Fundareal. Der gesamte Aushub aus sieben Suchlöchern von jeweils 2 Quadratmetern wurde dabei feinmaschig gesiebt, und die Ergebnisse zeigen, dass nicht nur obeflächennah Flintartefakte auftreten, sondern auch in den tieferen eiszeitlich bewegten Schichten noch einzelne Exemplare vorhanden sind. Nach den bisherigen technologischen Analysen der Flintartefakte dürften die Funde aus Drelsdorf ca. 60–80.000 Jahre alt sein und in die Frühphase der letzten Eiszeit gehören. Zu dieser Zeit bot das heutige Schleswig-Holstein den vermutlich aus dem Süden eingewanderten Neandertalern gute Bedingungen zur Herstellung ihrer steinernen Werkzeuge und Jagdwaffen, die sie zur Großwildjagd benötigten. Der technische Mitarbeiter und Südafrikakenner Werner Pfeifer ausAlbersdorf war am 27. Mai 2022 zu Gast bei der AG Ur- und Frühgeschichte in Sörup. Aus Namibia stammend und ursprünglich als Pädagoge ausgebildet, hat er sich über viele Jahre autodidaktisch steinzeitliche Werkzeugtechniken beigebracht und sich in den vergangenen 10 Jahren in Albersdorf und darüber hinaus als Experimentator einen Namen gemacht. In Sörup berichtete er in seinem Vortrag mit dem Titel „Vom
Steinzeitpark zum Living Museum – archäologische Aktivitäten auf dem Gelände der AÖZA in Albersdorf“ über das Archäologisch-Ökologische Zentrum in Albersdorf und die Veränderungen, die der Steinzeitpark im letzten Jahrzehnt auch unter seiner Mitarbeit erfahren hat. Ursprünglich auf die Periode der Jungsteinzeit spezialisiert, hat sich der 10 ha große Park zu einem Zentrum der Steinzeitforschung entwickelt, in dem sich die Besucher über die Lebensbedingungen der Jäger und Sammler von der Späteiszeit bis in die Jung steinzeit informieren können.

Den Schwerpunkt bildet allerdings der Abschnitt der späten Mittesteinzeit vor mehr als 6000 Jahren. W. Pfeifer beschreibt in seinem Vortrag eindrücklich, wie sich der Umbau entwickelte und nach und nach ein mittelsteinzeitlicher Lagerplatz mit Hütte, Werkstätten, Feuerstellen und einer assoziierten Wasserfläche mit Einbaum entstanden ist, der heute Fachstudenten und Wissenschaftler aus dem In- und Ausland Möglichkeiten bietet, dort ihren Experimenten zur Steinzeit nachzugehen. Dazu kommt ein Rundgang mit Nachbauten historisch überlieferter Tierfallen, Nachbauten von jungsteinzeitlichen Häusern und Informationen zur nacheiszeitlichen Tier- und Pflanzenwelt, so dass sich Besucherinnen und Besucher umfangreich archäologisch- ökologisch informieren können und Schulklassen teilweise auch am steinzeitlichen Leben teilhaben können.
Am 5. Juni 2022 waren die Mitglieder der AG Ur- und Frühgeschichte zu einer Führung auf der archäologischen Ausgrabung in Süderbrarup- Brebel zu Gast. Der Ausgrabungsleiter R. Schultze vom ALSH berichtete über seine Untersuchungen an einer Siedlung aus der römischen Kaiserzeit um 300–400 n. Chr., die im Jahre zuvor bei Voruntersuchungen im Rahmen der Erweiterung eines Gewerbegebietes entdeckt wurden. Das Team um Schultze konnte zahlreiche archäologische Befunde ausgraben und dokumentieren, die es so umfänglich in der Umgebung von Süderbraup noch nicht gegeben hat, obgleich andere Spuren aus der späten römischen Kaiserzeit im orsberger Moor und auf dem Markplatz des Ortes nachgewiesen worden sind. Die hier ansässigen Germanen lebten in ca. 12 x 3,5 Meter großen Langhäusern, die zu kleinen ländlichen Siedlungen zusammengeschlossen sind.
 

 

Die Pfostensetzungen im Untergrund sind als dunkle Verfärbungen zu erkennen und geben nur die Grundrisse der Gebäude wieder, vom Aufgehenden ist nichts erhalten geblieben. Auch Kochgruben und andere Eingrabungen in den Boden wurden entdeckt, wobei nicht
alle Strukturen aus der römischen Kaiserzeit stammen dürften. Das Fundmaterial setzt sich aus Scherben von unverzierter Haushaltskeramik zusammen, dazu kommen ein Webgewicht und Teile einer schwarzglänzenden Tonware, vermutlich einer repräsentativen Edelkeramik. Interessant wäre das Verhältnis der Siedlung zum Orsberger Moor, wo in dieser Zeit Opferungen von Kriegswaffen und Heeresausrüstungsgegenständen stattgefunden haben. Zeitlich ist es also durchaus möglich, dass die hier lebenden Bauern an den Opferungen im Moor teilgenommen haben.
An 17. Mai 2022 hatten die Mitglieder der AG die Gelegenheit, die Ausgrabungen des ALSH in Norderbrarup zu besuchen. Dort gruben die Archäologen unter der Leitung von A. Selent im Umfeld der mehr als 800 Jahre alten Kirche eine wikingerzeitliche Siedlung aus. Die Geländeuntersuchungen waren notwendig geworden, weil im Ort ein Neubaugebiet erweitert werden soll. Nach Anlage von Suchschnitten war schnell klar: Vor gut 1.000 Jahren stand hier eine stattliche Anzahl von Grubenhäusern, deren eingetiefte Überreste jahrhundertelang im Boden überdauert hatten. Etwa 10 solcher Bauten wurden gefunden, bisher waren vergleichbare mittelalterliche Siedlungen aus dem weiteren Umfeld des bekannten Wikingerplatzes Haithabu am Selker Noor bei Schleswig nur in Schuby und in Kosel auf Schwansen ausgegraben worden. Zu den Funden zählen Reste von Keramiktöpfen und Gegenstände aus Metall wie eine bronzene Gewandnadel, zwei Eisenmesser, ein eiserner Kesselhaken, ein eiserner Meißel, ein Kugelzonengewicht, sowie der Knauf eines Schwertes und eine silberne Münze. Auch ein kleines Bernsteinfragment und ein Webgewicht aus Ton wurden gefunden. Einen besonderen Einzelfund stellt eine große Emaillescheiben-Fibel aus dem 10. Jahrhundert dar.

 

Das Stück zeigt eine eingeritzte Vogeldarstellung und deutet damit auf einen christlichen Kontext hin. Die Grubeninhalte geben Hinweise darauf, dass die Gebäude hauptsächlich handwerklich genutzt wurden, so sind Webgewichte und Spinnwirtel eindeutige Nachweise von Textilherstellung. Neben den Grundrissen von Grubenhäusern gibt es eine Anzahl von Pfostenstellungen, die vielleicht auf das Vorhandensein eines größeren Gebäudes, eines sog. Hallenhauses, hindeuten. Der Fundplatz wird in das 10. oder 11. Jahrhundert datiert und ist somit gleichzeitig mit der Spätphase von Haithabu. Die Spuren der wikingerzeitlichen Häuser in Norderbrarup ergänzen das Lebens- und Siedlungsbild im Umfeld der großen städtischen Siedlung am Selker Noor und könnten an den weitreichenden Handelsverbindungen innerhalb der Region beteiligt gewesen sein, wie u.a. die Metallgegenstände und Tonscherben von slawischen Gefäßen nahelegen.

Sönke Hartz


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